Alexander Preuße

Schriftsteller - Buchblogger

Neue Lektüre: Ferne Welten – Quantentheorie und Frauenleben

Im Spätsommer 2025 besuchte ich das Schloss Chenonceau an der Cher, das in Reiseführern recht großzügig zu den »Loire-Schlössern« gezählt wird. Das Flüsschen war ab 1940 für gut zweieinhalb  Jahre die Grenze zwischen dem besetzten Frankreich und dem von der Petain-Regierung kontrollierten Restgebiet der gedemütigten Grande Nation. Direkt am Schloss führt eine Brücke über die Cher, darauf wurde eine zweistöckige Galerie gesetzt. Auf diesem Weg konnten einige Juden der Deportations-Gefahr durch die Nazis vorerst entkommen.

Es ist keineswegs das einzige interessante Detail, auf das der Besucher aufmerksam wird. Beim Schlendern durch das schöne Gebäude stieß ich auf ein Gemälde, das eine Frau zeigt, die von ihren Zeitgenossen als bildschön und außerordentlich intelligent beschrieben wird. Eine Saloniére mit Kontakten zu vielen großen Geistern der Zeit – also der des 18. Jahrhunderts, der Aufklärung und der hartnäckigen Vorurteile gegenüber Frauen. 1848/49 noch war die Zurücksetzung der Frauen das beharrlichste gesellschaftliche Element.

Louise Dupin de Chenonceaux war von dieser Zurücksetzung selbst betroffen. Sie hat gemeinsam mit ihrem Mann an diversen Werken gearbeitet, darunter eines über die »Verdienste der Frauen«, was nicht fertiggestellt oder gar veröffentlicht wurde. Ein wenig erinnert das an den Roman Aufklärung von Angela Steidele, auch Michael Maar hat in Die Schlange im Wolfspelz am Beispiel Rahel Varnhagens darauf verwiesen, dass Frauen oft auf Briefe als literarischen Ersatz auswichen.

Mit dem schmalen Bändchen Wir sind alle gleich, Monsieur! kann man ein wenig hineinschnuppern in die Denkwelt der Louise Dupin. Der Untertitel bezeichnet sie als »eine Feministin«, was  zu hinterfragen wäre. Avant la lettre, vielleicht, aber Zuschreibungen moderner  Lebensformen auf Vergangenes sind selten hilfreich. On va voir.

Das Schloss Chenonceau an der Cher.
Ein nebelgrauer Tag in Chenonceau an der Cher. Schön zu sehen ist die Brücke über den Fluss, mit den beiden Galerien darüber. Bild Privatbesitz.

Selten drückt ein Buchtitel mein Leseinteresse so perfekt aus: Warum niemand die Quantentheorie versteht – Aber jeder etwas darüber wissen sollte*. Es ist immens entlastend bei diesem Thema, dass die Aufforderung zur Kapitulation im Buchtitel schon enthalten ist. Wenn es eh niemand versteht, dann kann ich getrost hineinschnuppern. Mehrfach habe ich in den vergangenen Jahren Bücher über das Thema gelesen, ich weiß also, was auf mich zukommt. Und ich weiß, dass ich Quantenphysik nicht verstehen werde. Das ist wichtig. 

Sachbücher lese ich keineswegs nur, um mein Wissen zu erweitern. Ich will auch mein Unwissen erweitern. Unabhängig  von der Fachrichtung macht jedes Buch deutlich, wovon ich keine Ahnung habe und auch nie haben werde. Das ist wunderbar weit weg von Schule und dem albernen Unsinn, man könnte etwas als richtig oder falsch bewerten. Für das Sortierinstrument Schule sind die Kategorien richtig / falsch notwendig,  dabei geht eine wichtige menschliche Fähigkeite verloren, nämlich, die eigene Unwissenheit auszuhalten. 

Quantenphysik ist von zentraler Bedeutung und spielt in der alltäglichen Wahrnehmung keine Rolle. Diese Diskrepanz liegt zweifellos an der Anstrengung, die damit verbunden ist, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Dabei schildern die meisten Bücher über Quantenphysik die zeitgeschichtlichen Umstände, erzählen von den Physikern und in Maßen von deren  Erkenntnissen. Irgendwann bin ich immer »ausgestiegen«, konnte dem physikalischen Thema nicht mehr folgen.

Macht nichts. Interessant ist es trotzdem. Und auch jetzt freue ich mich auf die Unschärfe Heisenbergs und viele andere quantenphysikalische Aspekte, die mir auch nach der Lektüre dieses Buches rätselhaft bleiben werden.

*Für das Rezensionsexemplar bedanke ich mich beim Verlag C.H. Beck.

Undine Gruenter: Sommergäste in Trouville

Buchcover von 'Undine Gruenter: Sommergäste in Trouville' mit dem Untertitel 'Erzählungen'. Das Bild zeigt eine Person, die am Strand von Trouville entlanggeht, mit Blick auf das Meer und eine markante Klippe. Der Himmel ist leicht bewölkt.
Die meisten Erzählungen in diesem Band gefallen mir sehr gut, insbesondere wegen des zurückgenommenen, präzisen Stils der Autorin. Sommerschnulzig-leicht geht es in den Geschichten nicht zu, im Gegenteil. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Fünfzehn Erzählungen versammelt das schmale Bändchen mit dem Titel Sommergäste in Trouville von Undine Gruenter. Ohne die Empfehlung Michael Maars in seinem Band Die Schlange im Wolfspelz wäre ich im Leben nicht auf die Idee gekommen, die Sommergäste zur Hand zu nehmen. Da wäre mir aber etwas entgangen, denn von zwei, drei Ausnahmen abgesehen mochte ich alle kurzen Erzählungen.

Trotz des Titels ist der Erzählungsband kein luftig-leichtes oder gar romantisch-verklärtes Lektürevergnügen. Zwar durchwirkt Erotik einige Erzählungen, aber auf eine diskrete Weise; Gruenter schreibt um den Kern herum, beendet die Erzählung oft, ehe es zur Sache geht. Nicht nur beim Kopulieren, auch in den Texten, die fürchterlich düster sind, in denen die Verlassenheit des Ferienortes, die Einsamkeit des Alters oder toxische Ehe- und Erziehungsverhältnisse geschildert werden.

Trouville ist ein Ferienort in der Normandie, es liegt direkt am Meer, unweit der Seine-Mündung und gegenüber von Le Havre. Das vielleicht noch bekanntere Deauville ist nur durch einen schmalen Kanal getrennt, umgangssprachlich wird es auch »La plage des Parisiens« genannt, weil dort viele Angehörige der Oberklasse der französischen Hauptstadt ihre Zweit-Domizile haben. Diese Kreise erkundet Gruenter in einigen ihrer Erzählungen.

Gruenters Stil ist zurückgenommen, sehr präzise und treffend, ohne in Sprachbildern zu schwelgen. Auslassungen gibt es viele, bisweilen wird es auch handfest, wenn es beispielsweise um das Verhalten einiger Feriengäste von den britischen Inseln geht. Es gibt jedoch nicht die Spur Belehrendes in diesem Buch, vom marktschreierischen Ton der Sozialen Medien unserer Tage gar nicht zu reden. Sommergäste in Trouville haftet etwas Analoges im besten Sinne an, was die Lektüre trotz aller melancholischen Abgründe entspannend macht.

Undine Gruenter: Sommergäste in Trouville
Erzählungen
Hanser 2003
Gebunden 212 Seiten
ISBN: 9783446202702

Lea Sahay: Das Ende des chinesischen Traums

„Buchcover von ‚Das Ende des Chinesischen Traums‘ (Sachbuch) von Lea Sahay: Der linke Bereich zeigt in schwarzem Hintergrund mit goldener Schrift den Autorennamen ‚LEA SAHAY‘ und den Titel ‚DAS ENDE DES CHINESISCHEN TRAUMS‘ sowie die Angabe ‚Sachbuch‘. Der rechte Bereich des Covers ist in grellgelb gehalten und zeigt den Untertitel ‚LEBEN IN XI JINPINGS NEUEM CHINA‘ in schwarzer Schrift sowie einen Ausschnitt der chinesischen Flagge mit roten Farbakzenten.
China und seine Abgründe werden im Westen gern übersehen oder ignoriert; schlimmstenfalls wird das Land mit der größten Kriegsflotte der Welt als Teil des »Globalen Südens« missverstanden. Mit diesem Buch bekommt der Leser einen differenzierten Einblick in das Leben in Xi Jinpings China. Coverrechte Droemer-Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Blockwarte, Spitzel und Denunzianten sind keine Spezialität des Nationalsozialistischen Deutschlands oder des kommunistischen Unrechtsstaats DDR. Auch im China des 21. Jahrhunderts treiben sie ihr Unwesen. Hand in Hand mit jenen, die in vorauseilendem Gehorsam dem diktatorischen Regime des Ji Jinping entgegenarbeiten. Es sind diese Beispiele individueller, menschlicher Niedertracht und Schwäche, die bei der Lektüre von Lea Sahays Buch Das Ende des chinesischen Traums am meisten erschüttern. Der Mensch ist und bleibt des Menschen Wolf.

Natürlich wäre es ungerecht, den Stab über alle Chinesen in dieser Weise zu brechen. Auch darf die seit Jahren ununterbrochen dröhnende Propaganda-Maschinerie, die konsequente Geschichtsfälschung und Zensur aller abweichenden Meinungen sowie die dramatisch zu nennende Überwachung nicht unerwähnt bleiben. Das prägt viele Menschen und ihre Handlungen. Deprimierend ist, dass diese Dinge wiederkehren, in anderem Gewand und mit anderen, moderneren Methoden, aber im Kern gleich. Die Heldengeschichten vom Widerstand in Abgrenzung zu den Kollaborateuren gehen am Wesentlichen vorbei – der Macht der Angst und der Anpassung. Weltweit.

Insofern habe ich mich oft gefragt, ob das, was die Journalistin und langjährige China-Kennerin Sahay schildert, nicht auch einen Ausblick auf die vor uns liegenden Jahre gibt. Für manchen könnte das ein böses Erwachen geben. Der Podcaster und Buchautor Ole Nyman etwa meinte gegenüber der SZ, er würde lieber in Unfreiheit leben, als für die Freiheit zu sterben. Was smart klingt, geht an der Wirklichkeit vorbei. In Unfreiheit entscheiden andere darüber, ob man lebt oder stirbt, nicht man selbst. Das ist das Wesen von Unfreiheit.

Wer das nicht glaubt, wird schon auf den ersten beiden Seiten von Das Ende des chinesischen Traums eines Schlechteren belehrt. Der schwerkranke Sohn der Autorin durfte in einem chinesischen Krankenhaus nicht behandelt werden, trotz der lebensbedrohenden Erkankung. Die Vorgaben der Partei und der lokalen Behörden, nicht etwa das Ermessen der behandelnden Ärzte, waren unantastbar und die sahen einen Corona-Test vor. Das „Gesundheitssystem“ Chinas ist ohnehin ein rabenschwarzer Abgrund, während viel Geld in „Sicherheit“, also Überwachung und Militär gesteckt wird. Von diesen Beispielen gibt es viele in dem Buch von Lea Sahay, auf ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen.

Anders als in Russland, wo Putin die Opposition gern im Gefängnis zur Schau stellt, werden Menschen wie Peng Lifa vom chinesischen Rechtsstaat verschluckt und nie wieder ausgespuckt.

Lea Sahay: Das Ende des chinesischen Traums

Einiges davon ist bekannt, anderes schockiert regelrecht. Jin Jinping will militärische Gewalt anwenden, um Taiwan zu annektieren. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg, China zur Weltmacht zu machen, wenn möglich, vor den USA. Wie sehr es der chinesischen Führung gelungen ist, die Bevölkerung für dieses Ziel propagandistisch zu gewinnen, wird am Beispiel von Nancy Pelosis Besuch Taiwans deutlich: Vor der Reise der demokratischen US-Politikerin rasselten die Säbel und wummerten die Kriegstrommeln in China; als dann doch kein Angriff erfolgte, herrschte Katerstimmung in der Bevölkerung, harsche Kritik wurde im Internet offen geäußert. Wenn Zauberlehrlinge Geister wecken …

Das Ende des chinesischen Traums sollte auch ein Schlussstrich unter die Traumtänzereien in deutschen Parteien, Organisationen und Unternehmen sein, sonst wird das Erwachen umso härter. Dabei sollte ganz oben auf der Agenda stehen, dass „die Chinesen“ genausowenig ein monolithischer Block sind wie alle anderen „Völker“. Sahay erzählt, dass im chinesischen Alltag auch über die Regeln hinweggesehen wird, wenn einige Meter hinter einem „Betreten verboten“-Schild ein Tickethäuschen für den Besuch der Chinesischen Mauer steht. Stereotypen á la „die Chinesen kennen oder können es nicht anders“, wenn es um ein diktatorisches Regime geht, werden auf diese Weise entlarvt. 

Lea Sahay: Das Ende des chinesischen Traums
Leben Xi Jinpings Neuem China
Droemer 2024
Gebunden 288 Seiten
ISBN: 978-3-426-44996-7

Die letzten Meter

Jedem meiner Bücher habe ich zwei Zitate vorangestellt, die selbstverständlich mit dem Inhalt verbunden sind. Diese Worte George Orwells passen besonders gut.

Der Probedruck ist jener Moment, in dem aus einem Manuskript ein Buch wird. Opfergang, das siebte in der Reihe meiner Piratenbrüder, ist besonders. Es ist der Letzte Roman der Buchserie, ich bin sehr erleichtert, dass es endlich geschafft ist und nehme gern Abschied. Die Serie hätte sich totgelaufen, ich mag daher auch keine Endlosserien, die sich anfühlen wie Bilbo es über sein eigenes, langes Leben sagt: zu wenig Butter auf zu viel Brot.

Noch ist die Ziellinie nicht erreicht. Als letzten Schritt vor der Veröffentlichung lese ich das ganze Buch noch einmal laut vor und eliminiere die letzten Fehler. Durch das besondere Format fällt doch noch einiges auf, was korrigiert werden muss. Trotzdem ist absehbar, dass Opfergang viel früher erscheinen kann, als geplant. So habe ich den Termin der Vorbestellung auf den 12. März 2026 vorverlegt.

Spätestens dann wird der Roman erscheinen. Da ich kein Gewese um das Erscheinen mache, werde ich wie bei Verräter schon früher die Veröffentlichung vornehmen: Wenn Opfergang bereit ist, dann geht es los.

Alexander Preuße: Opfergang
Taschenbuch 508 Seiten, 19,99 Euro
ISBN: 978-3-819481215
Kindle eBook 5,99 Euro
Kindle Unlimited

Christian Grataloup: Geogeschichte

Buchcover von 'Geogeschichte: Die Macht der Geografie in der Weltgeschichte' von Christian Grataloup, veröffentlicht bei C.H.Beck. Im Hintergrund ist ein mystischer Wald mit Nebel zu sehen. Über dem Bild steht das Zitat: 'Wir leben in Geisterwäldern´.
Mein Lieblingszitat aus dem Buch. Die passende Karte veranschaulicht, wie sehr sich das Gesicht unserer Welt verändert hat. Mensch und Baum standen schon immer in Konkurrenz. Coverrechte beim Verlag, Bild mit Canva erstellt.

Wer sich mit Geschichte befasst, stellt unvermeidlich irgendwann die Frage nach einem alternativen Verlauf der Entwicklung. Die Antwort fällt zwangsläufig spekulativ aus, denn so wenig sich die Zukunft in der Gegenwart vorhersagen lässt, so wenig lässt sich die »Zukunft von Gestern« prognostizieren. Zu komplex sind die Entwicklungen, wie Stig Förster in seiner voluminösen Deutschen Militärgeschichte betont. Zur Illustration dessen, was tatsächlich stattfand, und den Folgen, ist ein Gedankenexperiment jedoch gelegentlich hilfreich.

Ein Beispiel findet sich in Christian Grataloups Geogeschichte. Was wäre, wenn das Pferd in Amerika nicht um 30.000 vor Christus ausgestorben wäre? Oder etwas weiter gefasst: Was, wenn nicht alle domestizierten Großsäuger aus Europa, Afrika und Asien (Eufrasien) stammten? Das klingt wenig spektakulär, war für die historische Entwicklung gerade auch der Neuzeit von geradezu dramatischer Bedeutung.

Grataloup zeigt, dass die Abwesenheit von Zug- und Reittieren in den Amerikas tiefgreifende Folgen für die Entwicklung – oder ausbleibende Entwicklung der Regionen hatte. Die Landwirtschaft in Eufrasien war durch Zugtiere intensiviert worden, was eine Zunahme der Bevölkerung nach sich zog. Ohne Wasserbüffel kein intensiver Reisanbau; ohne Pferd und Ochsen kein intensiver Ackerbau; und das Rad wäre – wie in den Amerikas – zwar bekannt gewesen, aber ohne die Bedeutung geblieben, die es tatsächlich hatte.

Wie schnell und hoch effizient diese Großsäuger hätten in die bestehenden Lebensweisen integriert werden können, zeigt sich am Pferd. Als die spanischen Eroberer in Südamerika eintrafen, sorgte der Anblick der Berittenen (neben ihren Feuerwaffen und Rüstungen sowie der taktischen Organisation) für Schockwellen bei den Einheimischen, wie bei Camilla Townsend in Die fünfte Sonne nachgelesen werden kann. Später aber konnten indianische Gemeinschaften Nordamerikas verwilderte Pferde redomeszieren und sowohl für die Jagd als auch Kriegszüge verwenden. Die Frage nach einem alternativen Verlauf der Geschichte zeigt vor allem, was in der tatsächlichen fehlte.

Die  Polygenese der Agrargesellschaften ist unbestreitbar.

Christian Grataloup: Geogeschichte

Unweigerlich wird die Sicht auf die Welt, auf die Gegenwart durch die Lektüre von Büchern wie Geogeschichte verändert. Das geschieht auf ganz unterschiedlichen Ebenen. So gibt es auch hier Beispiele für den schamlosen Missbrauch von Wörtern wie »Völkermord«, wenn etwa der (wiederlegten) Ausrottung des Neandertalers durch den Homo Sapiens das Wort geredet und das als »erster Völkermord der Geschichte« eingestuft wird. Diese Form der Marktschreierei entwertet einen Begriff und richtet Schaden an.

Etwas weniger drastisch, dafür sehr wichtig ist die Frage nach dem Konzept des »Fortschritts«. Geschichte wird oft als lineare Abfolge von Verbesserung geschrieben, eine Art Kausalkette des Fortschritts. So wurde die Sesshaftigkeit des Menschen als eine Folge der Landwirtschaft angesehen. Grataloup zeigt, dass diese Betrachtungsweise hinkt. Auch Jäger- und Sammler waren bereits sesshaft, vor allem in Küstenbereichen.

An dieser Stelle sei auch auf die Steppenreitervölker verwiesen, die nach der Sesshaftigkeit erschienen und nicht etwa eine Vorstufe der Agrargesellschaft waren. Mischa Meier weist in seinem vorzüglichen Buch Die Hunnen nicht umsonst mehrfach auf die hochkomplexe Lebensform der Reiterkriegerverbände hin, was das Motiv des »Fortschritts« als recht einseitiges, zweifelhaftes Konzept erscheinen lässt.

War das Neolithikum eine Katastrophe?

Christian Grataloup: Geogeschichte

Schließlich wirft Grataloup auch die Frage auf, ob man überhaupt von einem Fortschritt sprechen könne. Hier stehen sich zwei Bewertungsansätze diametral entgegen. Galt die Sesshaftigkeit der permanenten Wanderschaft lange Zeit als überlegen, gibt es gegenteilige Auslegungen. Die Sesshaftigkeit habe Zwang statt Freiheit und Kriege gebracht, sei außerdem ein ökologischer Holzweg.

Wie so oft ist ein genauer, differenzierter Blick nötig. Die Jäger- und Sammlergemeinschaften wurden wie später die Sesshaften von tödlichen Krankheiten heimgesucht, die erst in der Moderne medizinisch behandelbar wurden (was ohne Sesshaftigkeit nicht geschehen wäre). Aber Seuchen, Epidemien oder Pandemien setzen Sesshaftigkeit voraus.

Und es geht noch weiter. Die Nahrungsmittelvielfalt schränkte sich ein, Karies kam auf. Die Arbeitsbelastung stieg, mit der Bevölkerungsexplosion erhöhte sich die Ressourcen-Entnahme und die Belastung für die Umwelt – lange vor der industriellen Revolution. Die Agrarrevolution war nicht rückgängig zu machen, ein „Degrowth“ hätte zu einem Massensterben geführt.

Gleichzeitig ist sich die Forschung bewusst, dass diese Dinge für die Regionen gelten, in denen intensive Landwirtschaft betrieben wurde. Sesshaftigkeit und Agrarwirtschaft war auch im Einklang mit den natürlichen Gegebenheiten möglich. Wie so oft ist es die Umsetzung eines „Fortschritts“, der über dessen Charakter entscheidet. Das ist zentral für die großen Debatten der Gegenwart, die vom Fortschritt in „disruptiver“ Gestalt geradezu berauscht zu sein scheint.

Gleichwohl bleibt das Wort „Zivilisation“ behaftet mit dem Geburtsmakel einer wissenschaftlich wie ethisch unhaltbaren Hierarchisierung […]

Christian Grataloup: Geogeschichte

Das Zitat zeigt, wie Grataloup versucht, sprachlich auf der Höhe der Zeit zu sein und diverse Stereotypen und mit Makeln behaftete Formulierung zu ersetzen oder – wie im Falle von »Zivilisation« – ihre Problematik offenzulegen. Seltsamerweise verwendet der Autor trotzdem eine sowjetische Formulierung »kleine Völker des russischen Nordens« für die indigene Bevölkerung am nördlichen Rand Asiens. Haben sie anders als die Bevölkerung Nordamerikas oder Afrikas keine angemessene Begrifflichkeit verdient?

Dieser »Norden« war und ist ebensowenig russisch wie Namibia deutsch, Algerien französisch, der Kongo belgisch oder Ghana englisch waren.  Es handelt sich um ein mit Feuer und Schwert kolonisiertes Gebiet, deren indigene Bevölkerung in ein imperial ausgreifendes Reich gezwungen wurde, das heute Russische Föderation heißt (ohne es zu sein). Auch Sibirien ist nicht »russisch«, wie Grataloup bedauerlicherweise formuliert, aus den gleichen Gründen.

Warum fehlt hier sonst anzutreffende sprachliche Sorgfalt? Zeigt sich hier der blinde Fleck gen Osten? Während die Seeimperien als solche bezeichnet und kritisiert werden, während Grataloup einen sprachlichen Eiertanz aufführt, um den Begriff »Afrika« zu entkolonisieren und – durchaus berechtigt – auf die Zweiteilung des Kontinents durch die Sahara verweist, wird »Russland« seiner kolonialen Historie entkleidet und ausgespart. Die aufwendigen Bemühungen um eine korrekte Sprache werden so konterkariert.

Das gilt in gewisser Hinsicht auch für China, bei dem von Tibet, Xinjang und der Unterdrückung nur am Rande Rede ist. Sprachliche Awareness darf aber nicht an den Grenzen der ehemals westlich kolonialisierten Gebieten enden. Ebensowenig darf der fortgesetzte kriegerische Expansionismus Russlands und Chinas übersehen oder gar die imperialistische Stoßrichtung mit einem Fragezeichen abgeschwächt werden. Vielmehr wäre die Frage zu stellen, ob das imperial Expansive nicht Teil der (politischen) Zivilisation Chinas und Russlands ist.

(Ex?)-Imperien.

Christian Grataloup: Geogeschichte

Grataloup verwendet den Begriff »Welten«, um das Wort  Zivilisationen zu vermeiden. In seinen Augen existierte China »in einem räumlichen Rahmen, der variieren mochte, aber doch starke Konstanten aufweist». Andere, namentlich das Römische Reich, »zerfielen».  Hier kehrt Grataloup nicht nur den brutalen, bis in die Gegenwart andauernden expansiven Imperialismus Bejings unter den Teppich, sondern wird seiner eigenen Marschroute untreu.

Denn »Zivilisation« oder »Welt« soll ja eben nicht nur deckungsgleich mit einem beherrschten Terrritorium, einem »Reich«, »Imperium« oder »Staat« sein. Die  römische Welt wirkte über ihre Grenzen weit hinaus, der von Grataloup in überkommener Tradition attestierte »Untergang« bestand in einer gewaltsamen Teil-Transformation, bei der wesentliche Bestandteile der römischen »Welt« von den Eindringlingen übernommen wurden. Bestimmte zivilisatorische Elemente wirken bis heute grundlegend nach.

Vor allem aber ist »Rom« nicht einfach untergegangen. Der oströmische Teil bestand noch fast ein Jahrtausend weiter, wird von Grataloup in unseliger Tradition hinter dem Begriff »Byzanz« versteckt. Im Westen standen alle entstehenden Herrschaften in zivilisatorischer Tradition Roms, etwa das Heilige Römische Reich, das erst 1806 das Zeitliche segnete. Nimmt man die römisch-katholische Kirche (und die orthodoxe für Ostrom) mit ins Boot, wirkt heute in einem Drittel der Welt die römische Zivilisation fort. 

Insgesamt hat der Sklavenhandel, besonders der atlantische von 1720 bis 1830, Afrika in eine Situation gebracht, von der er sich nie wieder erholen würde.

Christian Grataloup: Geogeschichte

Problematisch erscheint mir der Umgang mit dem Thema Sklavenhandel. Ausführlich schildert Grataloup den Transatlantikhandel mit versklavten Menschen aus Afrika. Am Rande wird auch der innerafrikanische Sklavenhandel nach Norden erwähnt, allerdings heruntergespielt: In der Antike habe der nur eine geringe Rolle gespielt, im Mittelalter habe dieser »zugenommen«. Erwähnt werden sollte, dass das Volumen der verschleppten Menschen Schätzungen zufolge wenigstens fast das Niveau des Atlantikhandels erreichte, wahrscheinlich aber sogar deutlich darüber lag.

Das allerdings würde die Erzählung Grataloups in zwei Punkten beeinträchtigen. Viele der versklavten Menschen wurden durch die Wüste nach Norden verschleppt, die in der Weltsicht der Geogeschichte Afrika in zwei Hälften trennt. Auf diesem Weg durch die Wüsten starb – wie bei den unmenschlichen Überfahrten nach Westen – ein großer Teil der Versklavten. Wohlgemerkt waren an diesem Handel lange Zeit keine Europäer beteiligt, auch nicht als Abnehmer, denn die Verschleppten gingen in die islamischen Reiche.

Die Folgen des Sklavenhandels waren zweifellos verheerend, gerade auch in demographischer Hinsicht. Wie steht es aber mit den gesellschaftlichen Folgen, vor allem wegen der Opfer, aber auch der afrikanischen Täter, den Profiteuren, der gesellschaftlichen MenschjagdInfrastruktur, die über mehrere Jahrhunderte existierte? Sklaverei setzt Gewaltmaßnahmen voraus; wer nur auf den Atlantikhandel schaut, gerät leicht in Versuchung, eine allzu klare Trennung zwischen europäischen Tätern und afrikanischen Opfern zu ziehen, zwischen Norden und Süden. Das entleerte Wort des »globalen Südens« findet folglich leider auch in Geogeschichte seinen Niederschlag.

Weshalb ist es Europa, das zum Hauptakteur bei der Ausweitung der Achse wird?

Christian Grataloup: Geogeschichte

Warum gerade Europa? Letztlich zeigt die Frage nach den Ursachen der globalen Expansion des westlichen Zipfels einer Landmasse, die Grataloup als »Achse« wahrnimmt, die Grenzen einer geogeschichtlichen Herangehensweise. Wenn man den Untertitel des Buches, den Einfluss der Geographie auf den Gang der Geschichte, als alleinige Ressource bei der Suche nach einer Antwort heranzieht, bleibt diese Frage offen. Grataloup verlässt dann auch das Metier und zieht andere Aspekte heran.

Ein Beispiel: Auf der Suche nach Sponsoren für seine Erkundungsreisen klapperten Kolumbus und seine Mitstreiter sämtliche westlichen Herrscherhäuser ab. Am anderen Ende der »Achse«, war für Zeng He undenkbar, nach der Verweigerung weiterer Mittel für Erkundungen in China etwa in Japan nachzufragen, ob man dort vielleicht Interesse hätte. Andere große Seefahrernationen, wie etwa die Osmanen, zeigten kein Interesse an Erkundungen. Warum? Mit Geographie haben die Antworten auf diese Frage herzlich wenig zu tun. Das schmälert den Wert der Geogeschichte keineswegs, im Gegenteil: Die Grenzen einer Herangehensweise zu kennen, ist wesentlich für den Leser.

Geogeschichte bietet ein Füllhorn an Fragen an die Welt und dem Leser zahlreiche Anlässe, über sie nachzudenken, weit über die tagespolitischen Aspekte hinaus. Die langen Linien der Entwicklung verdecken naturgemäß die Details und führen zu Vereinfachungen und Verzerrungen. Das ist der Preis, der gezahlt werden muss, wenn der Blick auf die übergreifenden Linien oder Achsen gerichtet wird. Umgekehrt verschwinden diese Entwicklungslinien im Dickicht der Fakten, wenn das Detail in den Vordergrund rückt. Geogeschichte bietet in diesem Sinne eine herausfordernde Lektüre mit erheblichem Erkenntnisgewinn.

Christian Grataloup: Geogeschichte
Die Macht der Geographie in der Weltgeschichte
Aus dem Französischen von Stefan Lorenzer
47 schwarz-weiß und 31 farbigen Karten
C.H.Beck 2025
Gebunden
ISBN: 978 3 406 83726 5

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